Der Thementag des Geonetzwerks Münsterland stand am 26.06.2026 ganz im Zeichen der digitalen Transformation und zeigte eindrucksvoll, welche zentrale Rolle Geodaten heute in Verwaltung, Wirtschaft und Forschung einnehmen. Zu dem Leitthema „Digitale Transformation mit Geodaten – Wo stehen wir?“ begrüßten Manfred Wewers und Sebastian Walzog rund 60 Teilnehmende im großen Sitzungssaal der Kreisverwaltung Coesfeld. Während der Veranstaltung wurde deutlich, dass Geoinformationen längst weit mehr sind als digitale Karten: Sie bilden die Grundlage für datenbasierte Entscheidungen, effiziente Verwaltungsprozesse und innovative Anwendungen in den Bereichen Klima, Mobilität, Energie und Infrastruktur.
Den Auftakt machte Helene Mense Oliveira von der Digitalagentur Kreis Coesfeld. Sie stellte den Aufbau einer Urbanen Datenplattform vor und zeigte anhand konkreter Beispiele, wie Sensordaten, LoRaWAN-Technologie und Geodaten zusammengeführt werden können, um kommunale Prozesse zu unterstützen. Im Mittelpunkt standen dabei nicht die technischen Systeme selbst, sondern der Mehrwert gemeinsamer Datenräume für Verwaltung, Politik und Bürgerschaft. Anwendungen wie Hochwasser-Monitoring, Besucheranalysen oder intelligente Wartung verdeutlichten das Potenzial datenbasierter Entscheidungen für eine Smart Region.
Frederick Keusch von AVT Airborne Sensing spannte anschließend den Bogen von den historischen Anfängen der Photogrammetrie bis zu modernen Fernerkundungsverfahren. Anhand zahlreicher Beispiele wurde deutlich, wie sich aus Luftbildern hochpräzise Geodaten entwickeln lassen und warum Photogrammetrie heute eine wesentliche Grundlage für Digitale Zwillinge, kommunale Planung sowie Klima- und Infrastrukturmanagement darstellt. Besonders hervorgehoben wurde der Wandel von der rein bildbasierten Vermessung hin zu softwaregestützten, automatisierten Auswerteverfahren mit KI-Unterstützung.
Mit dem Projekt „LINK Urban Digital Twinning“ stellte Dr. Simon Jirka (52°North) aktuelle Forschungsarbeiten zu Urbanen Digitalen Zwillingen vor. Ziel des bundesweiten Fördervorhabens ist es, Planungsprozesse für die Klimaanpassung zu beschleunigen. Digitale Zwillinge unterstützen Kommunen bei der Entwicklung fundierter Planungsentscheidungen und ermöglichen dabei die Simulation verschiedener Szenarien wie zum Beispiel Starkregen, Hitze oder Begrünungsmaßnahmen. Ein besonderer Schwerpunkt lag auf offenen Standards, interoperablen Datenmodellen und der Integration von Echtzeitdaten als Voraussetzung für zukunftsfähige digitale Infrastrukturen.
Wie sich innovative Geodaten unmittelbar für den Klimaschutz nutzen lassen, zeigte Dr. Bastian Heider anhand des Projekts CATCH4D. Mithilfe thermografischer Befliegungen wurde für die Stadt Dortmund eine dreidimensionale Wärmelandkarte erstellt, die energetische Schwachstellen von Gebäuden sichtbar macht und gleichzeitig Informationen zu Hitzeinseln und Verschattung liefert. Über ein öffentliches WebGIS können sowohl Verwaltung als auch Bürgerinnen und Bürger auf die Ergebnisse zugreifen und diese für energetische Sanierungen oder Maßnahmen zur Klimaanpassung nutzen.
Einen praxisnahen Einblick in die Digitalisierung großer Infrastrukturprojekte gaben Simon Tönsing und Cornelius Cox von der nts-Ingenieurgesellschaft. Am Beispiel der Planung von Energietrassen zeigten sie, wie sich Arbeitsweisen in den vergangenen Jahren grundlegend verändert haben. Cloudbasierte GIS-Plattformen, gemeinsame Datenräume, WebGIS-Anwendungen und digitale Beteiligungsformate ermöglichen heute eine deutlich effizientere Zusammenarbeit zwischen Planungsbüros, Behörden und Öffentlichkeit. Ergänzt werden diese Prozesse zunehmend durch KI-gestützte Auswertungen und automatisierte Prüfverfahren.
Periklis Kremetis von con terra präsentierte anschließend ein anschauliches Beispiel für den praktischen Einsatz von GeoAI in der kommunalen Verwaltung. Am Beispiel der Stadt Elmshorn wurde gezeigt, wie künstliche Intelligenz versiegelte Flächen automatisiert aus Luftbildern erkennt und so die Berechnung von Niederschlagswassergebühren erheblich beschleunigt. Während eine manuelle Bearbeitung tausender Grundstücke viele Jahre in Anspruch nehmen würde, ermöglicht der automatisierte Workflow eine deutliche Effizienzsteigerung bei gleichzeitig hoher Transparenz und Qualitätssicherung durch stichprobenartige Kontrollen und Bürgerbeteiligung.
Dass Geodaten auch in der Mobilitätsplanung eine zentrale Entscheidungsgrundlage darstellen, verdeutlichte Stefan Menze vom Kreis Borken. Mithilfe GIS-gestützter Erreichbarkeitsanalysen wurden unterschiedliche Szenarien für den öffentlichen Personennahverkehr untersucht. Die Analysen liefern Politik und Verwaltung eine objektive Grundlage, um Auswirkungen von Linienänderungen oder Angebotsanpassungen nachvollziehbar zu bewerten und zukünftige Entscheidungen datenbasiert zu treffen.
Den Abschluss bildete der Vortrag von Prof. Dr. Tobias Rudolph von der Technischen Hochschule Georg Agricola, der den Einsatz von GeoIT im Bürgerdialog am Beispiel des Kavernenfeldes Epe vorstellte. Durch die Verknüpfung verschiedenster Geofachdaten wie zum Beispiel Grundwasserpegel, Bodenfeuchte, GNSS-Messungen, InSAR-Daten sowie einige Weitere können komplexe Zusammenhänge zu Bodenbewegungen verständlich visualisiert werden. Der Vortrag machte deutlich, dass Geoinformationen nicht nur technische Entscheidungsgrundlagen liefern, sondern auch wesentlich dazu beitragen können, Transparenz zu schaffen und die Akzeptanz komplexer Infrastruktur- und Umweltprojekte in der Bevölkerung zu erhöhen.
Die Vorträge stehen im Downloadbereich zur Verfügung.
Agenda
| Begrüßung Manfred Wewers, Kreis Coesfeld Sebastian Walzog, Geonetzwerk Münsterland |
| Förderprojekt „Daten. Nutzen. Machen. – Urbane Datenplattform und smarte Anwendungsfälle im Kreis Coesfeld Helena Mense Oliveira, Kreis Coesfeld |
| Photogrammetrie & Fernerkundung – Von analoger Kunst zur softwarebasierten Kerntechnologie der digitalen Transformation Frederick Keusch, AVT Airborne Sensing |
| LINK Urban Digital Twinning (LINK UDT) – Digitale urbane Zwillinge zur Planungsbeschleunigung für die Klimaanpassung Dr. Simon Jirka, 52°North |
| Geodaten für den Klimaschutz: Eine 3D-Wärmelandkarte zur Unterstützung der energetischen Sanierungsplanung in Dortmund Dr. Bastian Heider, Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung |
| Planung und Genehmigung von Energietrassen im Wandel: Digitalisierung, GIS und KI Simon Tönsing, nts-Ingenieurgesellschaft mbH |
| GeoAI-basierte Berechnung kommunaler Abwassergebühren Periklis Kremetis, Fa. con terra GmbH |
| Datenbasierte Mobilitätsplanung – Optimierung des ÖPNV durch GIS-gestützte Erreichbarkeitsanalysen Stefan Menze, Kreis Borken |
| GeoIT unterstützt den Bürgerdialog und die soziale Akzeptanz – Das Beispiel Kavernenfeld Epe Prof. Dr. Tobias Rudolph, THGA – Forschungszentrum Nachbergbau |
